1813 im von Frankreich besetzten Rheinland: Die 17jährige Eleonore Hyacinth fällt regelmäßig in Trancezustände, in denen sie Geister sieht, orakelt und anderen Menschen Heilkuren verordnet. Diese Gaben drängen sie selbst an den Rand des Todes. In einer ihrer Trancen nennt sie als ihre letzte Rettung den Namen eines Berliner Arztes, den sie unmöglich kennen kann: Dr. Messmer. Eleonores Eltern rufen ihn zu Hilfe.

Die Reise des Arztes entwickelt sich zu einer Tour de Farce: Er bekommt es nicht nur mit seiner rätselhaften Patientin zu tun, sondern auch mit einer grausamen Mordserie, einem genderfluiden Magier, einem sagenumwobenen Geheimbund sowie einem preußischen Generalfeldmarschall auf Franzosenjagd.

Unheimliche Begebenheiten, Ironie und Witz prägen diese Ich-Erzählung in der Tradition des Schelmenromans.

 

“If the fool would persist in his folly, he would become wise.”

William Blake

1. Teil

Der Ruf

Ich glaubte weder an Gespenster noch an Hexerei und ich war auch keinem der vielen anderen Aberglauben verfallen, die jener Tage am Ende der napoleonischen Ära selbst die eminentesten Köpfe verpesteten – und doch verbrannte ich den Brief nicht sogleich lachend.

Nein, mit diesem Brief fing alles an.

Ich erinnere mich noch genau an den Abend, als ich ihn das erste Mal las. Draußen hatte eine stürmische Nacht ihren dunklen Umhang über Berlin geworfen. Es regnete. Ich saß in meiner Wohnung und zerbrach mir den Kopf über die elementarsten Dinge menschlichen Daseins: Geld. Oder besser: fehlendes Geld.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, ich bin Arzt, eine durchaus honorable Person. Damals war ich frisch aus dem Studium und hatte erst jüngst mit dem Geld, das mir aus Erbe und Sparsamkeit erwachsen war, eine Praxis in der Nähe des Gendarmenmarkts eröffnet. Allerdings befand ich in einer schwierigen Phase.

Es war kurz bevor die Völ­kerschlacht bei Leipzig der Franzosenvorherrschaft auf deutschem Bo­den ein jähes Ende setzte. Eine Zeitenwende war im Gange und ich hatte mich unbeliebt gemacht, weil ich nicht mit dem Herdenvieh den Rufen der Agitatoren und Schreihälse gefolgt war, sondern ohne besondere Präferenzen abgewartet hatte, wer den Macht­kampf um Europa für sich entscheiden würde. Das nahmen mir manche Zeitgenossen übel. Spätestens nachdem die französischen Truppen Anfang des Jahres Berlin verlassen hatten, wurde es unge­mütlich für mich. Obwohl mir Napoleon Bonaparte ebenso gleichgültig war wie der preußi­sche König oder der Zar, wurde ich öffentlich als Franzo­senfreund diffamiert, was meiner Praxis, wie sich leicht vorstellen lässt, sehr abträglich war.

Anders gesagt: Ich war hoch verschuldet und stand in diesem Herbst kurz vor dem Ruin. Nur wenige Patienten verirrten sich zu mir; in der Regel solche, die andere Ärzte zuvor abgewiesen hatten, weil sie zu arm oder hoffnungslose Fälle waren.

Selbst die wenigen Bekannten, die ich hatte, distanzierten sich von mir und beantworteten nicht mal mehr meine Schreiben, die immer flehender wurden.

Allenfalls verirrte sich noch mancher in meine Praxis, der mich mit dem Scharlatan Franz Anton Mesmer verwechselte, weil er es mit der Schreibung nicht so genau nahm. Dann standen diese Messdienergesichter in meinem Türrahmen und glotzen mich an wie ein vom Mond herabgestiegenes Amphibium, weil sie statt des alten, wirtshausgesichtigen Betrügers einen jungen, äußerst gutaussehenden, echten Arzt fanden, der sie zunächst über die Feinheiten der Orthographie belehrte, um ihnen anschließend die große Bedeutung von Vornamen in der Menschenwelt zu erläutern. So gewappnet war das Letzte, das sie von ihm sahen, die Tür, die hart vor ihren verdutzten Gesichtern ins Schloss viel. Dass Leute mich mit Franz Anton Mesmer verwechselten, steigerte meine Pein zeitweise ins Unerträgliche, denn ich verabscheute den Mesmerismus.

Wie erstaunt war ich also, als ich in dem bereits erwähnten Brief – in voller Nennung meines wohlklingenden Namens und in absolut korrekter Schreibung desselben – regelrecht als Koryphäe angesprochen, ach was, um Hilfe angefleht wurde! Ich sehe das Schreiben noch deutlich vor mir, die saubere Handschrift eines einfachen, wenn auch nicht ungebildeten Mannes.

Hochverehrter Herr Dr. Apollodor Mercurius Messmer,

mein Name ist Hippolyt Trevens, ich bin Colonialwarenhändler in Coblenz und schreibe Ihnen in Vertretung meiner schwerkran­ken Nichte aus L., einem kleinen Ort im Kanton T. im Département de Rhin-et-Moselle.

Meine Nichte leidet seit ei­ner Weile an einer rätselhaften Krankheit, die sie seelisch wie kör­perlich an den Rand des Todes gedrängt hat. Denken Sie sich eine Siebzehnjährige, die einerseits angibt, Engel zu sehen und mit To­ten zu sprechen, und andererseits schwerkranken Menschen magi­sche Kuren verordnet, die sie binnen kürzester Zeit tatsächlich genesen lassen, während sie selbst, unfähig das eigene Leiden zu kurieren, in einem erbärmlichen Zustand ans Bett gefesselt dahin­siecht. Der Pfarrer des Ortes brachte es mit magnetischen Kuren zwischenzeitlich soweit, dass ihr Zustand sich auf eine Weile besserte, aber nur, um anschließend ärger zu werden denn je.

Sie werden sich fragen, wieso ich gerade Ihnen das schreibe. Ich ge­stehe es frei: Die Gründe sind auch mir selbst rätselhaft. Was haben Sie damit zu tun, nicht wahr? Und doch wie­gen sie so schwer, dass ich mich ihnen nicht zu widersetzen wage, denn womöglich sind Sie, Herr Dr. Messmer, die letzte Hoffnung dieses armen Ge­schöpfes. Von einem in Berlin lebenden Bekannten erfuhr ich zu­dem zu meiner höchsten Freude, dass ich mich in Ihnen an einen der letzten Advokaten des gesunden Menschenverstandes in diesen düsteren, irrationalen Tagen wende. Ich bitte Sie daher in Gottes Namen, nach L. zu reisen, um sich selbst ein Bild zu machen und zu sehen, was Sie in diesem Fall ausrichten können. 

Es dürfte nicht uninteressant sein, dass die junge Frau einer wohlbegüterten Familie entstammt; seien Sie also versichert, dass Ihnen Ihre Mühen und die weite Reise trefflich vergolten werden.

In der Hoffnung, Sie bald persönlich kennenzulernen, verbleibe ich mit den besten Grüßen

Gez. Hippolyt Trevens

PS: Falls Sie sich der Sache annehmen, würde ich mich geehrt fühlen, wenn Sie in Coblenz Station machten und mein Gast wären. Ich mache Sie dann gerne mit den Details des Falls vertraut.

Während ich dasaß und in die Dunkelheit starrte, wurde draußen der Regen stärker. In meinem Geist wirkten die Worte des Briefes nach: …, dass die junge Frau einer wohlbegüterten Familie entstammt … Ihre Mühen trefflich vergolten werden …

Eingehend betrachtete ich das Bild, das dem Schreiben beige­legt war. Es zeigte die Radierung einer jungen Frau von beinahe zerbrechlicher Schönheit. Obwohl dieses Geschöpf, das eher einem Märchen als der wirklichen Welt zu entstammen schien, mich über die Maßen faszinierte, musste ich gleich beim ersten Anblick ein leises Grauen unterdrücken.

Einige Tage zuvor war ich in der Dunkelheit einer mondlosen Nacht aus wirren Träumen erwacht und hatte eine Gestalt vor meinem Bett stehen sehen. Ein bleiches Frau­engesicht hatte mich unbewegt aus dem Dunkel angestarrt. Einen Moment war ich im Zweifel gewesen, ob die Illusion von meinem Morgenmantel erzeugt wurde, der am Schrank vor dem Bett hing, aber ich konnte mich nicht überwinden, mich aufzurichten und mir Gewissheit zu verschaffen. Von Grauen erfasst drehte ich mich zur Seite, schloss die Augen und öffnete sie nicht wieder, bis am Morgen die ersten Sonnenstrahlen meine Lider streichelten. Und dass, obwohl ich mir beständig in höchstem Grade bewusst war, dass die Erscheinung letztlich nichts als eines jener Gaukelspiele sein konnte, die die Dunkel­heit im Verein mit einer durch den Traum überhitzten Phantasie zu­weilen heraufbeschwört. Wie erschrak ich nun, als mich eben dieses Frauengesicht – oder zumindest ein diesem sehr ähnliches – von der Radierung an­blickte, die dem Schreiben des Herrn Trevens beigefügt war. Was aber vielleicht das Bemerkenswerteste war: Sie kam mir unendlich bekannt und vertraut vor, wenn ich auch nicht anzugeben vermoch­te, woher.

Ich zündete die Öllampe an, weil die Kerze, die bisher den Raum illuminiert hatte, in einer bläulich aufsteigenden Rauchschlange erloschen war, und schenkte mir ein weiteres Glas Rotwein ein. Anschließend träufelte ich etwas Laudanum auf einen Zuckerwürfel und ließ ihn auf der Zunge zergehen. Die bitteren Säfte, durch die Süße erträglich gemacht, transportierten den die Nerven besänftigenden Geist des Opiums in mein Blut; allein die Vorstel­lung ließ mich bereits ruhiger werden. Mit einem Schluck Wein spülte ich die Reste runter, lehnte mich zurück und versank im mono­tonen Rauschen des Regens.

Der Sturm war abermals stärker geworden, zerrte heulend und klagend an den Alleenbäumen, fauchte ums Gemäuer. Es war als wolle der Herbst über Nacht mit der Tür und großem Gepolter ins Haus fallen. Draußen tackerten verlorene Pferdehufe über das Kopfsteinpflaster, untermalt vom rostigen Schaben der Radbeschläge. Ein Hund bellte, womöglich durch den Lärm geweckt, gegen das Rauschen des Re­gens an; ein zweiter fiel in das Geheul ein. Ich dachte an den Kut­scher, dem der Regen den breitkrempigen Hut auf die Schul­tern drückte. Tja, hätte er mal was Anständiges gelernt. Das Laudanum sandte erste zarte Wellen durch meinen Kör­per. Zufrieden legte ich die Füße mit den zerlöcherten Strümpfen auf den Tisch.

Lange Zeit saß ich einfach da, drehte das Schreiben des Hippolyt Trevens zwischen den Fingern, öffnete es gedankenverloren, faltete es wieder zusammen. Der Sturm von draußen war in meinen Kopf eingezogen, in dem sich Fieberphantasien mit aller­hand Grillen abwechselten.

Mein erster Reflex war es, den Brief zu verbrennen und diese Serie lächerlicher Zufälle schnellstmöglich zu vergessen. Aber dann fiel mein Blick auf die fast leere Flasche Wein.

Erst vor wenigen Stunden war ich auf dem Heimweg bei Lutter & Wegner vorbeigekommen, mit hochgeschlagenem Kragen und beschleunigtem Gang – wer hat schon gerne unbezahlte Ausstände? Aber dann war mir das Glücksrad aufgefallen, das zwei Lakaien zur Feier irgendeines Jubiläums auf dem Gehsteig vor dem Lokal aufgebaut hatten. Eine Weinverlosung. Wohlgefüllte Flaschen glänzten mich an wie die breit grinsende Fortuna. Die beiden Gestalten, offensichtlich nichtswürdige Herumtreiber, kannten mich nicht und so beschloss ich, mein Glück zu wagen. Ich drehte das Rad. Und drehte das Rad. Und am Ende mussten drei gestandene Männer in bordeauxroten Anzügen mit fliegenden goldverbrämten Rockschößen mich, der ich schreiend und Betrug witternd in ihren Armen zappelte, mit Gewalt von dem Laden wegschleppen. Mein einziges Glück war, dass mich niemand erkannte und sie darauf verzichteten, die Polizei zu rufen. Nun, wenige Stunden später, saß ich diesem traurigen Stumpen von einer so gut wie leeren Flasche gegenüber, meiner letzten, die mich spöttisch vom Tisch her anstarrte, Sinnbild meiner Existenz.

Plötzlich spürte ich wieder das Schreiben aus dem Rheinland zwischen meinen Fingern und in meiner Seele stieg eine freudige Ahnung auf. Vielleicht war das Schicksal mir doch nicht so übel gesonnen. Vielleicht hatte ich diese Niederlage einstecken müssen, um einen umso prachtvolleren Sieg zu erringen. Im Geiste sah ich mich am Beginn einer Reise zu großem Ruhm und noch größerem Wohlstand. Hätte der Rausch mich nicht so fest in die Kissen gedrückt, ich wäre vor Euphorie aufgesprungen und hätte diese klägliche Flasche an die Wand geworfen. Was kümmerte sie mich noch?! Wenn ich diese arme Frau geheilt habe, sagte ich mir, werde ich mir von dem Vermögen, das ihre dankbare Familie mir zahlen wird, einen ganzen Weinkeller – ach was: das ganze Lutter & Wegner kaufen und dort einziehen, um den Rest meines Lebens in Glück und Trunkenheit zu fristen!

So kam es, dass ich bereits am darauffolgenden Tag meine Pra­xis auf unbestimmte Zeit schloss, mein letztes Erspartes zusam­menkratzte, mein chirurgisches Besteck, meine Kräuter, homöopa­thischen Präparate und Tiegel einpackte und eine Diligence in Richtung Südwesten bestieg. …